Wenn..., dann!

 

Im Tabellenkalkulationsprogramm Excel gibt es eine Funktion, die nennt sich „Wenn..., dann ...“. Oh, ganz neue Töne … Regelmäßige Leser meiner Kolumne werden nun wahrscheinlich irritiert innehalten, meine Texte zeichneten sich bisher doch eher nicht durch so logische, ja gar wissenschaftliche Themen wie Mathematik oder umfangreiche, kalkulatorische Berechnungen aus. Auch wenn dem einen oder anderen meine Gedankengänge vielleicht ähnlich kompliziert erscheinen mögen wie mathematische Abhandlungen über Wahrscheinlichkeiten und Gleichungen. Aber das ist ein anderes Thema. Wird das hier nun also der neue Rechnen-für-Anfänger-Kurs? Klares Nein!

Und nun zurück zu „wenn, dann“: Diese Formel ist für mich nämlich wirklich mal eine Formel aus dem Leben – vielleicht ist sie deshalb auch die einzige, die ich sofort, ohne große Erklärungen verstanden habe. Sie begegnet mir täglich. Nicht in Office-Programmen, sondern im Alltag: Wenn ich erstmal einen anderen Job habe, dann bin ich zufrieden. Wenn ich eine neue Wohnung habe, dann ist das Leben viel besser. Wenn erstmal wieder Frühling ist, dann ändert sich alles. Wenn ich drei Kilo abgenommen habe, wenn erstmal Wochenende ist, wenn ich nicht mehr rauche … Immer gibt es ein „Wenn“ und ein „Dann“, die dafür sorgen, dass etwas fehlt: Das letzte Stück – zum vollkommenen Glück. Nie gibt es die 100 Prozent, irgendwas stört immer und hindert am zufrieden sein. Ob bei Freunden, Bekannten, in der Familie, ja auch bei mir selbst – bei fast jedem hat man das Gefühl, er befinde sich in einer Art Übergangszeit.

Irgendwie ein Leben in der Warteschleife, findet ihr nicht auch? Ständig arbeitet man ungeduldig darauf hin, diese oder jene Bedingung endlich zu erfüllen, nur um dann festzustellen, dass die nächsten „Wenns“ schon längst hinter der Ecke lauern – bereit, uns wieder einmal um unsere 100 Prozent zu bringen. Zu dumm aber auch!

Noch viel dümmer ist es allerdings, nicht zu erkennen, dass „Jetzt“ auch schön ist. Warum muss erst eine neue Wohnung her, um zufrieden zu sein? Und vor allem: Ist in einer neuen Wohnung nicht das Leben immer noch das alte? Warum muss es Frühling werden, damit sich alles ändert? Veränderungen hat man immer selbst in der Hand – die sind auch im Herbst möglich. Drei Kilo mehr oder weniger – who cares? Macht der Genuss eines richtig üppigen Essens mit guten Freunden nicht viel glücklicher als jede Diät?

Leben findet JETZT statt und genau das sollte man jeden Tag vor Augen haben, anstatt sich selbst wieder und wieder und wieder in die Warteschleife zu hängen. Kein „Wenn“, kein „Dann“ mehr. Die führen nämlich dazu, dass man viele kleine Glücksmomente gar nicht wahrnimmt, weil man ständig nur der Illusion vom „großen Glück“ hinterherjagt. Als Formel ausgedrückt, könnte man auch sagen: Wenn man glücklich sein möchte, dann sollte man das Jetzt genießen, sonst wird man irgendwann feststellen, dass das Leben an einem vorbei zieht.

 

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