Suchtverhalten

 

„Guten Tag, mein Name ist Tanja, ich bin 35 Jahre alt und internetsüchtig. Es fing damals ganz harmlos mit einem 56k-Modem an...“ Dutzende Augenpaare richten sich mitfühlen auf mich, während ich diesen Satz stockend ausspreche und mich danach wieder mit gesenktem Kopf auf meinen Stuhl setze. Ich bin bei einem Treffen der „Anonymen Internetsüchtigen“ und habe mich gerade geoutet.

Diese Vision lief heute Mittag vor meinem geistigen Auge ab, als mein Internetzugang endlich wieder funktionierte. „Tanja, wirst du dort enden?“, fragte ich mich. „Ist es wohl bald soweit?“

Der Morgen begann ganz normal. Ich hatte Urlaub. Nichts deutete auf eine Katastrophe hin. Der erste Griff nach dem Aufstehen war zum Schalter meiner Senseo, der zweite zu einer Zigarette. Dann fuhr ich mein Notebook hoch. Bis dahin war alles wie immer. Morgenroutine eben. Doch als ich Thunderbird öffnete, um meine Mails abzurufen, begann der Albtraum. „Seite nicht gefunden“ stand im geöffneten Fenster. „Wie? Seite nicht gefunden? Was soll das denn?“ Ich startete das Programm einfach noch mal neu. Und wieder kam „Seite nicht gefunden“. Hmmm. Na gut, versuchen wir es mit dem Internet Explorer. Doppelklick auf das Symbol – gleiche Meldung: „Seite nicht gefunden“.

Jetzt stieg mein Puls schon leicht an. Blick auf den Router. Der funktionierte. Blick auf das Notebook. W-Lan funktionierte ebenfalls. „Gut“, dachte ich, „dann starte ich den Router mal neu.“ Netzkabel raus, warten...Das Problem blieb. Keine Verbindung mit dem Internet.

Noch hatte ich Hoffnung. „Liegt bestimmt am Notebook“, dachte ich. Also fuhr ich nun den Rechner hoch. Doch auch der weigerte sich beharrlich, eine Verbindung mit dem World Wide Web herzustellen.

Ich wurde langsam ein wenig panisch. Wie kam ich nun an meine E-Mails? Wer weiß, welch’ wichtige Nachrichten auf mich warteten? Womöglich hatte ich im Lotto gewonnen. (Sehr wahrscheinlich – ich spiele ja nicht mal) Oder eine Mail von einem unbekannten Traummann, der auf mysteriösen Wegen an meine Mail-Adresse gelangt war. (Noch wahrscheinlicher) Oder von was weiß ich wem. Aber ich musste sie einfach soooo dringend abrufen. Und überhaupt, surfen ging ja auch nicht. Kein Blick auf BS-Live!, keiner auf die neuesten Nachrichten. Was tun?

Die Technikabteilung des Providers anrufen! Schon stand ich vor dem nächsten Problem. Wie kam ich an die Telefonnummer? Die stand ja immer auf der Website. Dumm. Oder in den Unterlagen, die man bei Vertragsabschluss bekommt. „Tanja, denk nach! Wo hast du die hingelegt?“ Ergebnis nach durchwühlen sämtlicher Schränke: Unauffindbar! Kein Wunder, wenn man bei seiner Ablage nach dem Prinzip „Wer Ordnung hält, ist nur zu faul zum Suchen“ vorgeht. Also dritte Alternative: Die Auskunft!

Endlich hatte ich die Nummer. Ich wurde etwas ruhiger und zündete mir fast schon entspannt eine Zigarette an. „Durchatmen, Tanja, Hilfe ist nah. Gleich wird alles wieder gut“...dachte ich.

Doch schon kam die nächste Hürde. Eine nette weibliche Computerstimme führte mich durch ein schier endloses Menü. „Wenn Sie Fragen zu Ihrem Vertrag haben, drücken Sie die Eins, zur Änderung Ihrer Adressdaten drücken Sie die Zwei, bla bla, drücken Sie die Drei...“ Ab Taste Fünf würde ich schon etwas ungeduldig. Aber endlich kam „Drücken Sie die Acht, wenn Sie ein technisches Problem haben“. Ja! Geschafft!

Nein, Pustekuchen! Nun sollte ich ihr meine Telefonnummer ansagen. Gut, also auch das noch. Nett wiederholte sie danach die Ziffern. Natürlich falsch. „Ist diese Eingabe richtig? Antworten Sie bitte mit ja oder mit nein.“ „NEIN!“, brüllte ich in den Hörer. „Ich konnte Ihre Antwort nicht verstehen, bitte wiederholen Sie noch einmal.“ „Nein.“ Also von vorn. Nach einer halben Ewigkeit (ich musste ungefähr noch 372 Angaben machen und 35 Tasten drücken) sagte die penetrante Stimme dann endlich: „Ich verbinde Sie jetzt mit einem Mitarbeiter aus unserer Technik.“ JAAA!

Dann war die Verbindung unterbrochen. Tot. Aufgelegt. Ungläubig starrte ich auf das Telefon und spürte fast schon Verzweiflung in mir aufsteigen. Das Ganze noch einmal also. Als ich nach 37 (!!!) Minuten (mein Blutdruck war in keinem gesunden Bereich mehr) endlich einen Techniker am Hörer hatte, habe ich fast geweint vor Glück.

„Tja Frau Tanja, die Leitung ist vollkommen in Ordnung, aber Ihre Routersoftware ist veraltet. Kein großes Problem. Laden Sie sich mal das Update von unserer Website.“

„Lieber Herr Technik, das ist sogar ein großes Problem. Ich komme NICHT auf Ihre Website! Ich komme nämlich nicht ins Internet!!! Sie erinnern sich? Deshalb rufe ich an.“

„Hmmm, haben Sie nicht die Möglichkeit, sich woanders einzuwählen? Bei der Arbeit vielleicht?“

„Ich habe Urlaub (warum überhaupt??? Bei der Arbeit könnte ich jetzt ins Net).“

Natürlich bin ich zur Arbeit gefahren! Denn alle anderen Möglichkeiten fielen flach. Alle Freunde mit Internetzugang waren natürlich ebenfalls bei der Arbeit. Gut, mein Chef denkt nun, ich kann ohne die Firma nicht leben. Ein Tag Urlaub und schon stehe ich wieder da und will an einen Rechner. Ja, das ist wahrer Arbeitseifer. Ich habe natürlich nicht zugegeben, dass ich nur mal schnell ein Update aus dem Internet laden und auf meinen Stick ziehen musste...

Dann bin ich nach Hause gerast. Fast schon Mittag. Und immer noch keine Mails abgerufen. Mit zitternden Fingern habe ich das Update installiert und angstvoll auf den Rechner gestarrt. Was, wenn es doch nicht nur daran lag? Was, wenn ich auch danach nicht ins Net kam? Oh Gott, was sollte ich dann nur tun???

Es funktionierte. Um 12.47 Uhr war ich endlich wieder drin! Und habe mir danach wirklich Gedanken gemacht, wie weit meine Sucht wohl schon fortgeschritten ist...

 

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