Postalkoholische Depression

 

Das erste, was ich heute Morgen beim Aufwachen wahrnahm, waren übelste Kopfschmerzen. Wobei Morgen nicht ganz richtig ist, es war schon später Mittag. Wach werden ist auch falsch ausgedrückt. Ich kam zu mir, trifft es eher. Ich war gestern Abend nämlich mal wieder weg.

Eigentlich wollte ich gar nicht lange bleiben. Wollte früh wieder zuhause sein – ganz vernünftig – aber den Vorsatz habe ich nach dem vierten Beck’s wohl glatt vergessen. Naja, früh war es allerdings schon. Früh in den Morgenstunden. Nur leider nicht sehr vernünftig.

Während geschätzte zwanzig Zwerge in meinem Kopf Polka tanzten, quälte ich mich in die Küche. Frühstück! Zwei Aspirin. Ein flüchtiger Blick Richtung Senseo. Kaffee? Nein, lieber nicht. Mein Magen kämpfte noch gegen die vielen Vitamine, die ich in der Nacht gezwungenermaßen zu mir nehmen musste. Irgendwann hatte ich die glänzende Idee gehabt, von Beck’s auf Wodka umzusteigen. Dummerweise gab es kein Red Bull, also musste ich mit Orangensaft mixen. Bestimmt ging es mir nur wegen des blöden Saftes so schlecht heute.

In der verzweifelten Hoffnung, dass die Aspirin-Tabletten schnell wirken mögen, kroch in zurück ins Bett. Während ich versuchte, wieder einzuschlafen, fing mein Hirn langsam an, wach zu werden. Bruchstückhaft kamen die Erinnerungen an die letzte Nacht. „Oh nein, Tanja, wie hast du dich wieder benommen?!“, schreit mein Gewissen, als mir einfällt, dass ich mich dazu hatte hinreißen lassen, eine kleine Tanzeinlage auf einem der Tische zu bringen. Gerade als ich nachträglich beim Gedanken daran erröte, piepste mein Handy. Eine SMS. *Hey Tanzmaus, gehen wir heute Kaffee trinken? Michael*

Michael? Mein Gott, wer war Michael??? Angestrengt versuchte ich mich zu erinnern. Oh nein, das war der Typ, den ich zwei Stunden nicht losgeworden war und der mich ohne Ende mit seinem Gelaber gelangweilt hatte. Klar, dem hatte ich meine Handynummer gegeben, damit er endlich Ruhe gab. „Wie schlau, Tanja. So tolle Ideen hast du nüchtern nie.“, dachte ich, während ich hektisch überlegte, was ich ihm denn nun antworten sollte.

Kurze Zeit später klingelte mein Telefon. Meine Freundin Gaby, die hören wollte, ob es mir genauso schlecht geht wie ihr. Nein, mir geht’s schlechter! „Ey Tanja, du warst ja echt mal wieder gut drauf. Als du da auf den Tisch gesprungen bist...“ - „Danke Gaby, dass du mich auch noch daran erinnerst. Ich war gerade dabei, es zu verdrängen.“ – „Und dieser Typ, der immer gesagt hat, dass du ihn an Vicky Leandros erinnerst. Dem hast du ja einen erzählt. Der hat dir ja echt geglaubt, dass du ihre Nichte bist.“, lachte sie.

Mir wurde übel. Den hatte ich ja auch vollkommen vergessen. Meine Güte, hatte ich dem ’nen Scheiß erzählt. Hatte ich ihm nicht auch meine Handynummer gegeben? Ich wollte gar nicht weiter nachdenken. Was hatte ich noch alles angestellt? Wie hatte ich mich benommen? Was hatte ich für Unsinn erzählt? Ich konnte nie wieder vor die Tür gehen. Mich nirgendwo mehr blicken lassen. Warum hatte ich bloß so viel getrunken? Peinlich! Schande über mich.

Den Rest des Tages habe ich mit einer schweren postalkoholischen Depression im Bett verbracht. Und dem festen Vorsatz: Nie wieder Alkohol!

 

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