Konfrontationstherapie

 

In meinem Leben gibt es zwei Dinge, vor denen ich eine wirkliche Phobie habe. Als Erstes wären da Spinnen. Die achtbeinigen, haarigen Gesellen verursachen bei mir regelrechte Panikattacken, wenn sie mir begegnen. Ich habe nicht nur einmal für Aufregung in der Nachbarschaft gesorgt, als ich laut schreiend und kreischend auf ein Zusammentreffen mit einem dieser Biester reagiert habe.

Das Zweite, auf was ich vollkommen irrational ängstlich reagiere, sind öffentliche Verkehrsmittel. Hört sich bescheuert an, ist aber so. Ich komme ja praktisch vom Lande und da wächst man nicht unbedingt mit Straßen- oder U-Bahnen auf. Klar gibt es in der Provinz auch Busse, aber die habe ich zuletzt als Schulkind genutzt. Selbstverständlich bin ich auch schon mit der Bahn gefahren, aber immer nur mit dem ICE, niemals im Regionalverkehr. Und nur Strecken, bei denen ich auf gar keinen Fall umsteigen musste. Ich bin bekennender Auto-Fan. Egal wohin ich fahren muss – und sei es noch so weit – in meinem Wagen fühle ich mich sicher. Keine Fahrpläne, keine verschiedenen Linien, keine Gleisnummern, keine Fahrscheine, keine komplizierten Tarife, keine Haltestellen. Ab auf die Straße, Navi an und gut.

Doch heute Morgen habe ich eine Konfrontationstherapie gemacht. Nachdem ich in den letzten Tagen aufgrund etlicher Baustellen und Staus fast immer über 1,5 Stunden für knapp 40 Kilometer bis zu meinem Job gebraucht hatte, fasste ich gestern Abend einen mutigen Entschluss: Ab morgen fährst du Bahn, Tanja! Schlimmer kann das doch auch nicht sein.

Also habe ich den halben Abend damit verbracht, mir eine geeignete Verbindung für Bahn und Straßenbahn rauszusuchen. Das allein war ja schon eine Herausforderung. Mit Übersichtlichkeit brillieren die Seiten der Verkehrs-AGs und der Bahn ja nicht so unbedingt. Aber ich habe es geschafft und mir alles fein säuberlich notiert. „Es kann gar nichts schief gehen, Tanja.“, versuchte ich mich dabei selbst zu beruhigen. „Du weißt jede Haltestelle, du hast einen Zettel und notfalls kannst du fragen. Dir kann nichts passieren.“

Dann lag ich im Bett und konnte nicht schlafen. Ich war komplett nervös. Komisch, mit dem Auto traue ich mich in jede Großstadt, bin schon Hunderte Kilometer über die Autobahn gerauscht, aber bei so einer blöden Bahn fange ich an zu hyperventilieren. Dabei ist die Gefahr, sich im Gewühl der unzähligen Einbahnstraßen eines Stadtzentrums zu verfahren sicherlich tausendmal größer als die, in eine falsche Bahn zu steigen.

Auf jeden Fall hatte ich eine unruhige Nacht mit wenig Schlaf. Albtraumhaft stellte ich mir vor, wie ich von Gleis zu Gleis irrte, den falschen Zug erwischte oder das rechtzeitige Aussteigen verpasste.

Eine halbe Stunde vor Abfahrt des Zuges stand ich heute dann in aller Frühe am Bahnhof – zur Sicherheit war ich etwas eher da. „Noch gibt’s ein Zurück, Tanja.“, dachte ich, als ich mein Auto parkte. „Steig einfach wieder ein und nimm den Wagen.“

Doch ich war stark. Ich stieg – wenn auch ein wenig zittrig und mit einem Ziehen im Magen – in den Zug. Dann saß ich verspannt in meinem Sitz. Um mich herum eine Horde Teenager, die wohl auf dem Weg zur Schule waren. Was ich alles lernte während der Fahrt...Nokia Handys sind out, das Jamba Monatsabo dagegen muss absolut in sein – gemessen an den Dutzenden verschiedener Klingeltöne quer durch die Charts, die ich hören durfte. So etwas habe ich jahrelang vollkommen verpasst! Habe ich doch nie mitbekommen, wenn ich mit dem Auto gefahren bin. Auch über das Liebesleben eines durchschnittlichen deutschen Teenies weiß ich nun Bescheid – hinter mir saßen zwei Mädels, von denen die Eine unter schwerstem Liebeskummer litt, weil ihr Freund sie wegen einer Mitschülerin verlassen hatte. Tragisch. Und wirklich interessant. Fast hätte ich mich in die Unterhaltung eingemischt, um den einen oder anderen Tipp unter Frauen zu geben. Das war ja doch gar nicht so schlecht in der Bahn, stellte ich fest. Im Auto hatte ich zur Unterhaltung immer nur das Radio oder den CD-Player. Und hier nun schon morgens zum Frühstück richtige Tragödien. Das wahre Leben hautnah praktisch.

Als ich gerade anfing, mich ein wenig zu entspannen, kam eine freundliche Stimme aus dem Lautsprecher, die den nächsten Bahnhof ansagte. Oh Gott, nur noch zwei Haltestellen, dann musste ich raus. Mein Puls ging wieder in die Höhe. Zur Sicherheit bin ich gleich mal aufgestanden und habe mich an die Abteiltür gestellt. Nicht, dass ich die nächsten Stopps noch überhörte. Im Geiste sah ich den Zug in meinem Zielbahnhof schon einfach durchrattern ohne anzuhalten. Konnte das vielleicht passieren? Das Ziehen in meinem Magen wurde stärker. Mittlerweile nur noch eine Haltestelle zwischen mir und dem Bahnhof meines Vertrauens. Und dann der spannende Moment – mein Bahnhof war erreicht. Der Zug hielt.

Erleichtert stieg ich aus. Die erste Hürde war genommen. Nun noch die richtige Straßenbahnhaltestelle finden. Ich trottete einfach erstmal der Masse hinterher, die mit mir zusammen den Zug verlassen hatte. Das funktionierte genau so lange, bis die Masse sich auf zwei Haltestellen verteilte. Welche war denn nun meine? Hektisch blickte ich von der einen zu anderen. „Meine Güte Tanja!“, dachte ich. „Du stellst dich aber auch dämlich an. Frag doch einfach, hier stehen doch genug Leute rum.“

Dank eines freundlichen älteren Herrn bekam ich raus, wo ich einsteigen musste und kletterte Minuten später in die Straßenbahn. Fünf Stationen musste ich fahren. Ich zählte mit. Zum Glück beobachtete ich das Verhalten der anderen Fahrgäste, sonst hätte ich gar nicht gewusst, dass man auf so einen Knopf an der Tür drücken muss, wenn man aussteigen will.

Zwei Stationen vor meinem Ziel stand ich zur Sicherheit dann wieder auf und stellte mich in Startposition an die Tür, die Hand in unmittelbarer Nähe des magischen Halteknopfes. Sobald die Durchsage kam, drückte ich mindestens vier Mal. Und tatsächlich hielt die Straßenbahn an. Ich war unendlich erleichtert. Nur noch ein kurzer Fußmarsch zur Firma.

Pünktlich, tropfnass – es goss wie aus Eimern und ich hatte gar nicht dran gedacht, dass ich heute mal nicht direkt vor der Tür parken würde – aber total stolz kam ich bei der Arbeit an. Ich hatte es geschafft. Ich hatte sie besiegt – die öffentlichen Verkehrsmittel! Oder besser gesagt die Angst davor.

Hoffentlich klappt die Rückfahrt nachher genauso gut...Ein bisschen nervös bin ich ja immer noch...

 

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