Klassentreffen

 

Es ist ja schon sehr spannend, jemandem unerwartet zu begegnen, den man sehr lange nicht gesehen hat. Ungleich spannender ist es jedoch, geballt auf Menschen zu treffen, die man teilweise über die Jahre völlig aus den Augen verloren hat. Und wo erwartet dich mehr geballte Vergangenheit als bei einem Klassentreffen?

Eines schönen Tages liegt eine Einladung in deinem Postkasten. „Anlässlich des soundsovielten Jahrestages der Schulentlassung treffen wir uns...“ Du bist gleich ein wenig aufgeregt und gehst im Geiste zuerst deinen Kleiderschrank durch, ob er denn etwas Passendes für diesen Anlass beinhaltet. Schließlich möchte man ja Eindruck machen bei den ehemaligen Klassenkameraden – vor allem bei denjenigen, die man schon zu Schulzeiten nicht mochte. Entweder weil sie immer die besseren Noten hatten oder – noch schlimmer – die besseren Jungs. Oder aber, weil sie damals auf deinem Briefchen mit der Frage „Willst du mit mir gehen?“ eiskalt „Nein!“ angekreuzt haben.

Mit der Einladung liegst du dann auf der Couch und gibst dich nostalgischen Gedanken hin. Ach, wie war es damals doch schön...Was hat man für Unsinn gemeinsam angestellt, wie viele geniale Ideen entwickelt, um dem Lehrer das Leben zur Hölle zu machen. Wie lange war man heimlich verliebt in den Klassenschönling aus der letzten Reihe und hat ihn aus der Ferne angehimmelt, sich stets bewusst, dass er einfach eine Liga zu hoch spielt. Wie oft hat man sich angezickt mit der Blonden, die vor einem saß. Wie viel Spaß hatte man mit der Tischnachbarin, die gleichzeitig die beste Freundin war. Und was hatten alle für große Pläne für ihr Leben – karrieretechnisch gesehen. Was wohl aus ihnen geworden ist? Schnell gehst du gedanklich dein Leben durch und überlegst, wie erfolgreich du deine Ziele umgesetzt hast seit dem Ende der Schulzeit. Wie wird wohl dein Lebenslauf auf die Anderen wirken? Werden sie dich für erfolgreich halten, überrascht sein? Oder dich belächeln und insgeheim denken, dass sie ja schon damals wussten, dass aus dir nichts Anständiges wird?

Du fühlst dich fast ein wenig wie vor einer Prüfung – nervös, aber auch gespannt. Und dann ist er da, der große Tag. Du warst natürlich beim Friseur und neue Schuhe hast du dir ebenfalls gekauft. Mit ein wenig Herzklopfen machst du dich auf den Weg. Schon vor dem Eingang triffst du die Klassenschönste – ehemals Klassenschönste trifft es eher. Denn über die Jahre hat sie gut 20 Kilogramm zugenommen, die damals langen blonden Haare, um die du sie stets beneidet hast, sind nun kurz, strähnig und eher grau. Auch wenn du sonst nicht zu Gehässigkeit neigst, wird es dich ein wenig freuen und nimmt dir schon mal die eigene Unsicherheit. Während ihr zusammen das Lokal betretet, erzählt sie dir von ihren zwei Scheidungen und den drei Kindern von jeweils verschiedenen Vätern. Wer hätte das gedacht?

Den ganzen Abend hindurch stellst du immer wieder fest, dass gerade die ehemaligen Klassenkameraden, denen man das Wenigste zugetraut hätte, das Meiste erreicht haben. Der Klassenclown beispielsweise, der nie etwas ernst nahm und sich eigentlich durch die komplette Schulzeit mogelte, hat einen Job in leitender Position. Du vermutest ja, dass er sich auch den irgendwie ermogelt haben muss, aber egal, er hat es zumindest geschafft. Oder die damals Klassenbeste – nach früher Heirat Hausfrau und Mutter. Von Auslandsaufenthalten und Karriere keine Spur. Und wie ehrgeizig ist sie doch mal gewesen...

Manche haben sich allerdings kaum verändert. Die Oberzicke von früher ist nun die Oberzicke von heute. Deine ehemalige Tischnachbarin ist noch genau so gut drauf und ihr habt sofort wieder viel Spaß, während ihr gemeinsam lästert. Alles in allem merkst du, dass du dich mit dem, was du in den vergangenen Jahren erreicht hast, nicht verstecken musst. Ein gutes Gefühl. Das beruhigt und du kannst den Abend genießen.

Das Highlight des Abends ist allerdings der Klassenschönling deiner Schulzeit. Er ist auch heute noch sehr attraktiv. Ein wenig grau schon, aber das macht ihn nur noch viel interessanter. Er gibt dir heute nicht mehr das Gefühl, in einer anderen Liga zu spielen, er sitzt neben dir und ist verdammt nett. Und er ist Single...

 

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