Kinderfeindlich? Nö, aber elternfeindlich!

 

Vogelgezwitscher, Sonnenschein, dezentes Stimmengewirr im Hintergrund. Idylle pur. Nicht arbeiten, endlich mal Zeit zum relaxen. Hach, schöööön! Entspannt döse ich im Liegestuhl auf der Wiese vor mich hin. Bis mich ein Brüllen aus meiner Ruhe reißt: „Sinaaaaa-Marie, lass das. Komm jetzt hier her!!!“

Sina-Marie, etwa fünf Jahre alt, bewirft gerade einen Dackel mit kleinen Steinchen – was weder dem Dackel noch seinem Herrchen besonders zu gefallen scheint. Verständlicherweise. Das Einschreiten der Mama besteht darin, quer über die ganze Wiese nach ihrer Tochter zu brüllen. Ist ja auch einfacher, als den Allerwertesten zu erheben, um dem Nachwuchs Einhalt zu gebieten. Dass andere Menschen sich entspannen möchten, ist doch völlig egal.

Sina-Marie kümmert sich gar nicht um das Geschrei und macht munter weiter. Mama auch – in unverminderter Lautstärke. Bloß nicht aufstehen. Dem Hundebesitzer reicht’s: Als er dem Kind die Steinchen wegnimmt und ein paar energische Worte anbringt, muss sich der arme Mann als kinderfeindlich beschimpfen lassen. Alltägliche Szene. Schließlich ist man immer der Kinderfeind Nr. 1, wenn man es wagt, die verzogenen Gören anderer nicht permanent zu tolerieren.

Nein, ich bin nicht kinderfeindlich. Ich habe selbst ein Kind. Aber ich bin elternfeindlich – zumindest gegenüber den Eltern, die immer und überall meinen, dass sich ihr Nachwuchs benehmen könne wie die Axt im Wald. Dummerweise trifft man diese Art Eltern überall. Beim letzten Restaurantbesuch wurde ich Zeuge einer ähnlichen Szene: Schreiend tobten zwei etwa Siebenjährige durch das Lokal, krochen unter Tische, kletterten auf Bänke, verschütteten Getränke und machten eine Unterhaltung für alle anderen Anwesenden so gut wie unmöglich – nur die eigenen Eltern störte es nicht.

Nachdem die Zwerge eine Kellnerin mit beladenem Tablett zu Fall gebracht hatten, sprach der Wirt die Eltern an. Ich bewunderte ihn fast für seine ruhige Art. Das Ergebnis: Sie ließen sich nun lautstark darüber aus, wie kinderfeindlich der Laden doch wäre. Sehe ich anders. Ein Speiselokal ist kein Spielplatz. Kinder müssen sicherlich nicht sittsam und still wie gedrillt am Tisch sitzen. Aber haben alle anderen, die dort essen möchten, nicht auch das Recht, dies in Ruhe tun zu können? Von den Kellnern und dem Wirt mal gar nicht zu reden – die möchten doch einfach nur vernünftig ihre Arbeit machen können.

Seltsamerweise sind immer genau die Eltern ganz groß darin, andere als ach so kinderkritisch abzustempeln, deren Nachwuchs sich am schlimmsten benimmt. Dabei sind es gar nicht die Kinder, die aufregen oder stören, sondern Mama und Papa. Wenn die ihre Energie nämlich in die Erziehung investieren würden, statt sich über angebliche Kinderfeindlichkeit zu echauffieren, gäbs gar kein Problem. Zu einem harmonischen Miteinander gehören gewisse Regeln. Die machen die Erwachsenen. Und Kindern schaden sie auch nicht unbedingt.

Ich kann mich wirklich ärgern, wenn Eltern (meist Mütter) meinen, man müsste ihnen immer und überall den roten Teppich ausrollen, weil sie ja schließlich mit Kind kommen. Sobald es fürs (wirklich schlechte) Betragen des kleinen Lieblings Kritik hagelt, wird gleich die deutschlandweite Kinderfeindlichkeit beklagt. Ebenso wenn etwas in ihren Augen nicht kindgerecht genug ist. Dass es Dinge gibt, die für Kinder nicht geeignet sind, scheint den Supereltern entgangen zu sein. Man will ja auch mit Kind schließlich auf nichts verzichten. Schon gar nicht auf die eigene Bequemlichkeit.

Erziehung muss nicht heißen, ein Kind in all seinen Freiheiten einzuschränken. Ganz im Gegenteil. Gutes Benehmen finde ich allerdings auch heute noch zeitgemäß und wichtig. Wenn ich jedoch manche Erziehungsberechtigte, aber leider nicht -befähigte beobachte, bin ich immer wieder schockiert. Über das Verhalten der Kinder hingegen wundere ich mich dann kaum noch. Wie heißt es doch so schön? Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm …

 

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