Kind sein

 

Vorhin saß ich in einem Cafè mitten in der Stadt. Ich schaute durch ein großes Fenster nach draußen und beobachtete die Leute, die vorbei gingen.

Laut juchzend kam ein kleines Mädchen angelaufen, vielleicht vier oder fünf Jahre alt. Klatsch! Das blöde Kopfsteinpflaster ließ sie stolpern. Sie hatte sich die zierlichen Händchen dabei aufgeschlagen und weinte nun. Ein Mann – wohl der Papa – half ihr auf und nahm sie tröstend in den Arm.

Als ich den beiden so zusah, musste ich plötzlich an einen lange zurückliegenden Abend in meiner Kindheit denken. Ich war etwa neun Jahre alt und meine Lehrerin hatte böse mit mir geschimpft am Morgen in der Schule. Sie war ziemlich ungerecht, denn ich hatte nichts getan. Ich war ein ziemlich liebes und braves Kind – zumindest bis zur Pubertät – und wäre niemals frech zu meiner Lehrerin gewesen. Dazu war ich auch viel zu still und schüchtern. Auf jeden Fall hatte ich mich furchtbar erschrocken als sie mich heftig anfuhr, ich wäre unverschämt zu ihr gewesen. Ich hatte keinen Ton gesagt, es war ein Missverständnis. Aber ich traute mich auch nicht, mich zu verteidigen. Also hatte ich mit gesenktem Kopf für den Rest des Tages auf meinem Platz gesessen und gegen die Tränen gekämpft. Aber die Blöße, in der Schule zu weinen, wollte ich mir auch nicht geben.

Als ich abends dann im Bett lag, konnte ich die Tränen allerdings nicht mehr zurückhalten. Ich weinte herzzerreißend in mein Kissen. Ich wollte am nächsten Tag am liebsten gar nicht mehr zur Schule gehen und wünschte mir einen Schnupfen oder Fieber, damit ich daheim bleiben konnte. Meinen Eltern hatte ich nichts davon gesagt. Für mich – bis dato wirklich Musterschülerin – war es fast ein halber Weltuntergang, von einer Lehrerin ausgeschimpft zu werden. Was sollten denn meine Eltern von mir denken, wenn sie das hörten?

Meine Nase lief von der vielen Heulerei. Dummerweise hatte ich kein Taschentuch. Leise schlich ich mich aus meinem Zimmer, um mir eins aus der Küche zu holen. Mama und Papa saßen im Wohnzimmer und hatten Besuch – bloß leise sein. Doch ich war wohl nicht leise genug. Ich war gerade wieder in mein Bett gekrochen, als mein Papa plötzlich in meinem Zimmer stand. „Püppi, was ist denn los? Warum weinst du?“, fragte er besorgt und setzte sich neben mich. Natürlich platzte es nun aus mir heraus. Schluchzend und stotternd erzählte ich ihm die große Katastrophe.

„Ach Püppi, das ist doch nicht schlimm“, tröstend nahm er mich in den Arm und strich mir über den Kopf. „Soll ich deine Lehrerin morgen mal anrufen und mit ihr sprechen? Du brauchst doch nicht zu weinen. Vielleicht hatte sie nur einen schlechten Tag.“
Ach, seine Worte taten so gut. Sofort beruhigte ich mich. Mir konnte nichts passieren. Absolute Sicherheit. Mein Papa war ja da!

Püppi, du brauchst vor nichts und niemandem Angst haben. Hörst du? Ich werde immer darauf aufpassen, dass dir niemand weh tut. Der bekommt es dann nämlich mit mir zu tun.“

„Püppi“ nennt mich mein Papa auch heute noch manchmal. Und er ist auch heute noch immer für mich da. Nur bin ich mittlerweile erwachsen und muss die kleinen und größeren Widrigkeiten des Lebens leider allein meistern. Sicher bekomme ich das hin. Aber wie reizvoll und einfach wäre es doch hin und wieder, wenn ich auch heute nur seine Hand ergreifen müsste und alles wäre gut. Jeder, der mir weh tut oder der mich ärgert, bekäme es mit ihm zu tun...

Es gibt Tage, da wäre es schön, noch einmal Kind zu sein.

 

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