Ein graues Haar

 

Es ist soweit. Weltuntergangsstimmung. Der Anfang vom Ende.

Heute Morgen habe ich es entdeckt. Ich stand gut gelaunt vor meinem Badezimmerspiegel und war dabei, mir zwei Zöpfe zu flechten. Sorgfältig wollte ich mir erstmal einen Mittelscheitel ziehen. Ich teilte die Haare gerade mit meinem Kamm, als ich mitten in der Bewegung stockte. Was war das denn da? Ich schob meinen Kopf näher an den Spiegel. Konnte es wahr sein? Ja! Zwischen all die dunklen Haare hatte sich tatsächlich ein graues gemogelt! Ein fieses borstiges graues Haar! Auf meinem Kopf!

Ich war geschockt. „Oh nein!“, dachte ich fast panisch. „Oh, mein Gott. Es ist vorbei. Du kannst dich jetzt schon mal auf ein Leben jenseits von Spaß und Abenteuer einstellen. Du bist alt, hast graue Haare und bestimmt siehst du auch bald so faltig wie ein alter Pfirsich aus.“

Ich musste mich hinsetzen. Mit einem Kaffee und einer Zigarette habe ich am Küchentisch die neue Situation überdacht. Was war nun – wo ich sichtbar alt und vor allem grau war – alles anders?

„Du kannst nie wieder als Animateur auf Ibiza arbeiten, Tanja.“, war merkwürdigerweise das Erste, was mir einfiel. So ein Unsinn. Ich habe noch niemals als Animateur auf Ibiza gearbeitet und hatte es bisher auch nicht mal im Ansatz vor. Aber ich hätte es gekonnt. Theoretisch. Als ich noch jung war. Wer wollte schon einen grauhaarigen Animateur?

Konnte ich überhaupt weiterhin Miniröcke tragen? Oder würden alle hinter vorgehaltener Hand über mich tuscheln? „Schau dir mal die Alte an, macht ja voll auf jugendlich.“ Oder mein Mickey-Mouse-Shirt? War das noch angemessene Kleidung, so ergraut wie ich nun war?

Würde der Türsteher der Diskothek mir nun womöglich den Eintritt verwehren, weil ich das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hatte? Selbst wenn er mich hereinließ – würde ich dann das Durchschnittsalter der dort Anwesenden um zehn Jahre erhöhen?

Was war, wenn ich mir überlegte, doch noch ein Baby haben zu wollen? Würden mich dann so mancher für Oma statt Mutter halten?

Ich war wirklich geschockt. Seit meinem dreißigsten Geburtstag ist das Alter sowieso ein heikles Thema für mich. Und nun gab es die ersten sichtbaren Anzeichen, dass der Zahn der Zeit an mir nagte. Bisher war es immer so, dass mich jeder, der mein Alter nicht wusste, für jünger gehalten hatte. Würde das weiterhin so sein?

Natürlich ist es albern, solche Überlegungen wegen eines einzigen grauen Haares anzustellen. Aber es hat mich irgendwie vollkommen umgehauen.
Als ich meine Freundin anrief, um ihr von der Katastrophe zu berichten, lachte sie. “Tanja, was meinst du, warum ich mir meine Haare schon seit Jahren färbe? Ich hatte schon mit Mitte zwanzig die ersten grauen Haare. Hast du den Eindruck, mein Leben ist seitdem vorbei gewesen?“

Sie ist einige Jahre älter als ich und vorbei ist ihr Leben garantiert nicht. Ganz im Gegenteil. Sie ist immer noch genauso gut und vor allem verrückt drauf wie damals, als ich sie kennenlernte. Irgendwie beruhigt mich das. Vielleicht gibt es doch ein Leben nach dem ersten grauen Haar. Und benehme ich mich in Liebesdingen nicht immer noch wie ein Teenager? Sooo alt kann ich dann eigentlich doch gar nicht sein.

Komisch, dass ein klitzekleines blödes einzelnes Haar Grund für so viele Gedanken sein kann. Gleich kaufe ich mir eine Tönung, dann wird es verschwunden sein. Und eine Antifaltencreme besorge ich prophylaktisch gleich auch noch dazu.

 

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