Date mit der ersten großen Liebe - nach 15 Jahren

 

Die erste große Liebe bleibt immer etwas Besonderes. Doch wie fühlt sich ein Date 15 Jahre „danach“ an? Ich habe es ausprobiert …

Sweet Sixteen

17 Jahr', blondes Haar – so stand er vor mir. Damals. Er schenkte mir „Ganz und gar“ von Marius Müller-Westernhagen – als Brief. Und spielte es mir im Auto seines Kumpels vor. Süße 16 war ich und unsterblich verliebt. Ein gutes Jahr später verließ er mich, meine Teenie-Diva-Allüren reichten ihm. Aus heutiger Sicht – mit der nötigen Reife betrachtet – das Beste, was er tun konnte. Für ihn zumindest, ich hingegen war lange Zeit untröstlich.

First love, first Kiss

Schließlich war er die erste Liebe in meinem Leben und der erste, dem ich die magischen drei Worte ins Ohr flüsterte. Und der sie mir sagte. Auch durfte er vor allen anderen in meinem rosaroten Kinderzimmer übernachten. Obwohl das so viele Jahre – und nächste Lieben – her ist, blieb er immer in meinem Gedächtnis. Manchmal melancholisch, manchmal mit einem Lachen dachte ich an ihn und fragte mich insgeheim, was aus ihm geworden ist und ob wir uns heute auch noch verstehen würden?

Nachricht aus der Vergangenheit

Beinahe 15 Jahre später ist es Zeit die Fragen zu beantworten. Mein Freund Google verrät mir allerdings nicht viel. Das einzige, was ich finde, ist eine berufliche Mailadresse. Aus der kann ich zumindest schon mal schließen, dass wir immer noch in unmittelbarer Nähe wohnen. Ich denke nur kurz nach, dann schreibe ich ihm: Dass ich neugierig bin, was aus ihm geworden ist. Und bitte ihn um ein Date. Beim Klicken auf den Senden-Button zögere ich nur kurz. Was mag er wohl denken, wenn er die „Nachricht aus der Vergangenheit“ erhält?

Glatzkopf oder Knackarsch?

Zwei Tage später klingelt mein Handy. Er ist dran! Es ist merkwürdig, wir reden gleich drauf los. Die Stimme klingt etwas fremd und trotzdem irgendwo vertraut. Er findet meine Idee witzig und spannend, wir verabreden uns für den nächsten Abend. Als ich auflege, spüre ich ein wenig Aufregung. Werde ich ihn gleich erkennen? Sieht er immer noch so gut aus wie damals oder ist er zum bierbäuchigen Glatzkopf mutiert? Und was wird er von mir denken? Knackige 16 bin ich ja leider nicht mehr. Mit meiner Freundin spekuliere ich über das bevorstehende Date. Natürlich hören wir uns zur Einstimmung „Ganz und gar“ an.

Von Beziehungsdramen und Karrierekurven

Am nächsten Abend stehe ich vor dem Lokal, in dem wir uns verabredet haben. Einmal tief durchatmen und los. Er kommt mir schon am Eingang entgegen. Ich hätte ihn unter Tausenden erkannt! Nein, kein Glatzkopf – im Gegenteil: Ein immer noch sehr attraktiver Mann steht vor mir. Älter, reifer, aber die mir vertrauten Züge sind definitiv zu erkennen. Bei vielen seiner Gesten fühle ich mich zurückversetzt in eine Zeit, die lange zurückliegt. Irgendwie merkwürdig, aber kein bisschen fremd. Wir bestellen Wein und wie schon am Telefon quasseln wir gleich munter los. Lassen unsere Leben Revue passieren. Erzählen sogar von den kleineren oder auch größeren (Beziehungs-)Dramen, die wir hinter uns haben.

Buntes Leben statt Bausparbude

Sein Leben ist ganz anders verlaufen als ich es mir vorgestellt habe. Für mich war er immer der Inbegriff von Beständigkeit und Vernunft – vielleicht, weil ich als Teenie an Unvernunft kaum zu überbieten war. Ich hätte gewettet, dass er mit Frau, Kind und Golden Retriever in einem hübschen Häuschen wohnt. Überraschenderweise war sein Weg genauso von kurzentschlossenen Entscheidungen und regelmäßigen Veränderungen geprägt wie meiner. Auch unsere Einstellungen zu vielen Dingen sind gar nicht so unterschiedlich.
Was wäre wenn?

Zwei Gläser Wein und drei Stunden später ist unser Date zu Ende. An meinem Auto verabschieden wir uns, jeder fährt zurück in sein Leben. Für einen Abend war die Vergangenheit wieder lebendig, denn natürlich haben wir genügend Anekdoten aus „unserer Zeit“ ausgetauscht. Wieder zuhause bin ich viel zu wach, um schlafen zu gehen. Mit einem weiteren Glas Wein lasse ich die Stunden noch einmal auf mich wirken. Wie fühle ich mich? Gut, denn es war wirklich ein schöner Abend, jedoch auch ein wenig nostalgisch. Komischerweise stellt sich die Frage „Was wäre wohl aus uns geworden, wenn wir uns nicht getrennt hätten?“ gar nicht. Eher die Frage: Hätten wir uns auch verliebt, wenn wir uns heute erst kennengelernt hätten?

 

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